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  • Ina Holz

Mein Pflegehund Greta – Teil 1


Die Frage war, ob ich denn nicht eine Idee hätte. Die schüchterne Greta benötige noch dringend eine Pflegestelle, damit Sie am nächsten Samstag auch ihre Reise nach Deutschland antreten und somit ein neues Leben beginnen dürfe. Schüchtern, ängstlich und vorsichtig sind die meisten, doch sie solle besonders ängstlich sein, daher würde jemand mit Erfahrung und Hundesachverstand benötigt.

Ich wusste spontan niemanden, der für eine solche Aufgabe in Frage käme, doch durch den Corona-Lockdown sind meine Tätigkeiten aktuell stark eingeschränkt und der letzte Pflegehund liegt schon eine Weile zurück. Ich mache es selbst, so war mein spontaner Gedankengang. Ich bat erstmal um eine Nacht Bedenkzeit, denn so eine Entscheidung sollte man niemals zu spontan treffen. Es ist absolut notwendig, dass die zeitintensive Aufgabe Pflegehund in den aktuellen Alltag passt. Wie viel Raum diese dann tatsächlich beanspruchen wird, lässt sich im Vorfeld nicht unbedingt festlegen. Abgesehen von einem Foto, dem Namen und der Information, sie sei besonders schüchtern, wusste ich schließlich nahezu nichts über sie.


Tag der Ankunft


Der Tag der Ankunft ist ein besonders spannender Tag - nicht nur für den Hund. Die ganzen Fragen der vergangenen Tage werden hier nun endlich Antworten finden. Mich hat im Vorfeld die Frage nach ihrer Persönlichkeit und ihrem Charakter am intensivsten beschäftigt.

Gemeinsam mit meiner Schwester und einer Hundebox auf der Rückbank machte ich mich auf den Weg zum Ankunftsort. Wir wurden im Vorfeld detailliert über den Ablauf instruiert, damit alles Corona-konform vonstattengeht. Schließlich waren mit uns noch einige andere gespannte Pflegefrauchen und -herrchen in Erwartung auf Ihren Schützling anwesend.

Am vereinbarten Treffpunkt wurden zuerst die üblichen Formalien geregelt, ein Pflegestellenvertrag unterzeichnet und natürlich die Anwesenheit aller Pflege- und Endstellen kontrolliert. Dies war vom Verein wahnsinnig professionell organisiert und wir konnten dafür in unseren Autos sitzen bleiben, damit wirklich keine Coronaregel missachtet wird.


Die Spannung stieg, als dann endlich nach einer Stunde des Wartens der große weiße Lieferwagen mit rumänischem Kennzeichen an uns vorbei in den Hof der Übergabe einbog. Es vergingen noch einige Minuten, bis die ersten Autos durch das Tor gewunken wurden. Fünf bis sechs Autos durften vor uns durch das Tor fahren, ihr Hündchen einladen und sich schnell auf den Weg nach Hause machen, bis wir schließlich auch an der Reihe waren. Eine Dame des Tierschutzvereins trat mit Greta auf dem Arm an unser Auto heran. Wir setzten sie zügig in die Box, damit sie schnell gesichert war und nur kurze Unruhe in der sowieso schon super stressigen und ungewissen Phase verspürt. Wir wurden mit einem Mäntelchen, Leine und einem Sicherheitsgeschirr von Vereinsseite ausgestattet und konnten uns dann schnell in Richtung Autobahn begeben.


Die arme Maus auf der Rückbank war mucksmäuschenstill, sie wusste überhaupt nicht wie ihr geschieht. Wir haben sie abgesehen von flüchtigen Blicken komplett in Ruhe gelassen, denn menschliche Zuwendung konnte sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht einordnen und verstehen.


Nach unserer Ankunft zuhause trug ich sie erst einmal in den Garten, wo ich sie, über ein Sicherheitsgeschirr und der Leine gesichert, auf den Boden absetzte. Ich hatte die Hoffnung, dass sie sich lösen kann oder muss, denn während der langen Reise hatte sie sicherlich keine Möglichkeiten dazu. Aber keine Chance: Sie traute sich zwar Bewegungen zu (was ich von manch ihrem Vorgänger nicht gewohnt war), aber dies waren eher verzweifelte Fluchtversuche. An mehr war nicht zu denken. Ich beschloss also, sie wieder auf den Arm zu nehmen und sie in die Wohnung zu tragen.


Um sie hochzunehmen, habe ich mich hingehockt und seitlich zu ihr gedreht, sie nicht direkt angeschaut und sie über die Leine ganz langsam an mich herangezogen. Mir war es wichtig, dass ich mich in dieser für sie sehr bedrohlichen Situation so passiv wie möglich verhalte, damit es für sie nur so unangenehm wie unbedingt nötig abläuft.

Wieder auf meinem Arm angekommen fühlte ich ihr Herz in meiner Hand pochen und ich bekam eine Ahnung davon, wie groß Ihre Angst in diesem Moment sein musste. Ich hielt sie ganz fest , drückte sie an mich und versuchte ihr über eine besonders ruhige und leise Stimme ein wenig Zuversicht zu geben.


„Sie ist das, was ich einen Schattenhund nenne“


Oben in der Wohnung setzte ich sie wieder ab. Hier bewegte sie sich zunächst überhaupt nicht. Sie blieb wie angewurzelt und ganz flach auf den Boden gedrückt liegen. Wie gerne hätte ich Ihr in diesem Moment erklärt, dass sie nun keine Angst mehr haben braucht und nun alles gut ist. Aber ein Hund muss dies selbst erfahren und das dauert nun mal eine Weile. Umso wichtiger ist es, dass ich mich selbstsicher und klar verhalte, damit sie diese Erfahrung auch schnellstmöglich machen kann. Sie blickte zögerlich im Flur umher und plötzlich zischte sie los und kauerte sich in eine lichtlose Ecke des Raumes. Das war Ihre einzige Lösung für diesen Moment: sich im Schatten zu verstecken und hoffentlich unsichtbar zu werden.


„Sie ist das, was ich einen Schattenhund nenne.“, sagte ich zu meiner Schwester. Ein Hund, der gelernt hat, dass unauffälliges und möglichst unsichtbares Verhalten am sichersten ist. Der ein wahnsinnig gutes Gefühl dafür hat, wann andere ihn wahrnehmen und wann nicht.

Wir entschieden uns, sie einen Moment in Ruhe zulassen, bevor das Willkommensprogramm fortgesetzt wird. Kurze Zeit später saß sie nach wie vor unverändert in derselben Ecke. Ich näherte mich ihr ganz langsam und abgewandt an, um sie erneut auf den Arm zunehmen und ihr ein wahnsinnig tolles Versteck zu zeigen. Ihre Höhle, die ich im Vorfeld extra für Sie vorbereitet hatte. Eine Hundebox, außen abgehangen mit einer Decke, so dass sich ein geschützter Raum ergibt und die innen mit einer kuscheligen und warmen Decke eingerichtet ist.


Ich setzte sie vor dem Eingang ihrer Höhle ab und sie flitzte sofort hinein, als hätte sie die ganze Zeit auf genau das gewartet. Ich stellte Ihr noch einen Napf mit Wasser genau vor den Eingang und hielt die Zeit nun für angebracht, meine anderen bisher im Nebenraum geduldig wartenden Hunde zu involvieren. Greta hatte nun ihren sicheren Raum, der für Sie allerdings nur dann sicher bleibt, wenn ihr dieser Raum auch Sicherheit vermittelt. Folglich fortan Regel Nummer 1 für alle Zwei- und Vierbeiner: Greta wird in ihrer Höhle in Ruhe gelassen und möglichst ignoriert.


Nun kennen meine Hunde eine solche Situation bereits und wissen sich respektvoll zu verhalten. Ich öffnete die Türe und ging gemeinsam mit meinen Hunden in den Raum mit Gretas Höhle. Vor Ort wies ich beiden Hunden Plätze zu, von dort aus begannen sie neugierig Gretas Geruch wahrzunehmen und schnüffelten fleißig in der Luft, bevor sie dann beide einfach eindösten.


So unspektakulär kann eine Hundezusammenführung sein. Damit neigte sich der Tag auch schon dem Ende zu. Ich nahm wahr, wie müde und fertig Greta von allen Eindrücken war. Sie versuchte sich zwar mit aller Kraft wach zu halten, aber ihre Augenlider waren sehr schwer und der Kopf sank stetig Richtung Decke. Beim kleinsten Geräusch schreckte sie zwar wieder hoch, aber es dauerte nicht lange und die Augen fielen wieder zu und der Kopf sank zu Boden. Futter nahm sie an diesem ersten Tag nicht zu sich, aber sie trank immerhin aus dem Napf vor ihrer Höhle.



Eine erstaunliche Entwicklung


Die erste Nacht war absolut friedlich. Greta hatte (soweit ich es beurteilen konnte) gut geschlafen. Sie hat geschnarcht und geträumt, dies waren für mich sehr positive Zeichen. Nach dem Stress des Vortages ließen wir den Morgen ganz in Ruhe beginnen. Ich ging meiner Routine nach, während die Hunde noch auf Ihren Plätzen schlummerten. Freiwillig wollte Greta Ihre Höhle sowie nicht verlassen, sie war froh wenn es nicht um sie ging und sie Ihre Ruhe hatte. Ich bewegte mich also völlig normal durch den Raum, ganz so als wenn es keine Greta gäbe. Dies hat direkt zwei positive Effekte: Zum einen kann sie sich schneller gewöhnen, wenn alles gleich wie immer abläuft und zudem fühlt sie sich sicherer, wenn sie das Gefühl hat, unsichtbar zu sein.


Fertig angezogen bereitete ich den Ausflug in den Garten vor, holte Greta vorsichtig aber zügig aus Ihrer Höhle heraus, nahm sie auf den Arm und wir gingen gemeinsam als Gruppe hinunter in den Garten. Greta war trotz Einfriedung an der Leine, denn die Flinkheit und Raffinesse eines Straßenhundes sollte man niemals unterschätzen. Aber nach wie vor war die Aufregung zu groß und nun liefen noch zwei andere Hunde durch den Garten. Greta fand wieder keine Ruhe ihre Geschäfte zu erledigen. Viel wichtiger war es ihr, ein Versteck zu suchen - was die Leine aber nicht zuließ.


Es war sehr deutlich, dass Sie draußen wesentlich mehr Handlungsbereitschaft zeigte als drinnen. Sie wusste einfach, wie sie sich im Freien verhalten muss. Ihre Kompetenzen waren für dieses Leben ausgebildet, hier hatte sie Lösungen und Ideen. Innerhalb von Räumlichkeiten hingegen erschien sie völlig hilflos, bewegte sich nicht vom Fleck oder drückte sich ganz eng an die Wand. Wieder in der Wohnung stand nun das Frühstück auf dem Programm. Aber Greta mochte nicht, ihr war alles noch viel zu unheimlich. Erst als ich mich in einer Distanz von gut zwei Metern auf den Boden setzte und ihr von dort aus das ein oder andere Futterbröckchen entgegen kullerte, hat sie sich getraut ein paar Stücke aufzunehmen. Es blieb bei nur wenigen Stücken, ein vollwertiges Frühstück war das definitiv nicht. Anschließend durfte Gerta nun erstmal wieder in Ihre Höhle und schlief auch sofort ein. Es muss eine enorm anstrengende Zeit für diesen kleinen Hund gewesen sein.

Am frühen Nachmittag bemerkte ich dann, dass Greta plötzlich unruhig wurde und Ihre Höhle verlassen wollte. Das konnte nur eines bedeuten. Ich zog schnell meine Schuhe an, nahm Sie auf den Arm und ging mit ihr hinunter in den Garten: Jackpot! Gerade abgesetzt, hockte sie sich hin, löste sich und kurz darauf wurde auch noch das große Geschäft erledigt. Zum Glück, denn das war für uns beide eine enorme Erleichterung – in jeglicher Hinsicht. Langes Einhalten ist für Hunde genauso ungesund wie für uns Menschen und das die ersten Geschäfte dann direkt unter freiem Himmel stattfinden, ist für einen Hund wie Greta noch lange nicht selbstverständlich. Doch Greta sollte mich an diesem Tag, gleich noch ein weiteres Mal überraschen.

Hatte sie das Futter am Morgen noch verschmäht, sah die Situation am Abend ganz anders aus. Dieses Mal fütterte ich sie in Ihrer Höhle, warf ihr zuerst einige Bröckchen hinein und sie aß. Als sie doch auf den Geschmack gekommen war, wollte sie immer mehr und letztlich nahm sie die Bröckchen sogar am selben Abend noch aus meiner Hand. Was für ein Wahnsinnsschritt und welch enorme Entwicklung innerhalb der ersten 24 Stunden. Ein klares Indiz dafür, dass wir uns gemeinsam auf dem richtigen Weg befinden und Ihr Sicherheitsgefühl sowie ihr Vertrauen in mich und ihre Umgebung konstant wächst. So war der erste gemeinsame Tag bereits ein erstaunlich erfolgreicher.


Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, welche Überraschung Greta für mich am nächsten Tag bereithielt. Aber dies lest ihr im zweiten Teil, der in den nächsten Tagen veröffentlicht wird.


Seid gespannt und abonniert meinen Blog für „Schattenhund“ Gretas weiteren Weg.


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