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  • Ina Holz

Mein Pflegehund Greta – Teil 3


Greta wurde zunehmend mutiger. Es dauerte einen weiteren Tag und sie bewegte sich frei in der gesamten Wohnung. Geschah etwas für sie Unerwartetes, flüchtete sie nach wie vor schnell in ihre Höhle, die dabei ihr Rückzugsort blieb. Allerdings kam sie mittlerweile auch immer genauso flott zurück.


Zwischendurch bewegte sie sich quer durch einen Raum und nutzte jede Gelegenheit, um mit meiner Hündin zu toben und zu raufen. Auch Menschen gegenüber, die sie bisher nicht kannte, wurde sie zunehmend aufgeschlossener. Anfangs hielt sie sich noch fern, wenn wir Besuch hatten und ich überließ es ihr, ob sie an der Gesellschaft teilhaben mochte oder nicht. Aber schon nach der dritten Besuchssituation verhielt sie sich fast genau wie meine anderen Hunde auch.



Greta oder auch „Ein Hund mit vielen Flausen im Kopf“


Je mutiger sie wurde, desto aktiver wurde sie auch. Sie ist eine Meisterin darin, sich unbemerkt davonzustehlen und hat ein irres Gefühl dafür, wann sie unbeobachtet ist. Ich habe sie nicht ein einziges Mal „just in time“ bei irgendeinem Blödsinn erwischt – und davon gab es offenbar ziemlich viel.



Ich habe lediglich die Resultate vorgefunden und da ich meine Hunde ziemlich gut kenne, kam als Verursacherin nur ein bestimmtes Hündchen in Frage. Natürlich tue ich ihr mit dem Begriff „Blödsinn“ ein wenig Unrecht, denn Greta hat sich eben genau so verhalten, wie es ein Hund von der Straße eben tut. Sie kennt die Regeln im Haus nicht und wurde auch noch niemals in Ihrem Leben dafür eingeschränkt, wenn sie Gegenstände kaputt biss.


Genauso war es für sie absolut wichtig, dem Geruch von Futter nachzugehen und nach Möglichkeit alles in sich hinein zu futtern, was nur irgendwie geht. Als Halter muss uns in solchen Situationen klar sein, dass wir als Mensch den Maßstab für gutes und schlechtes Verhalten setzen. Solche Situationen sind prädestiniert für eine menschliche Erwartungsfalle, indem wir von unserem Hund Dinge erwarten, die er gar nicht erfüllen kann. In Gretas Fall hätte es zum Beispiel sein können:


„Greta, man beißt keine Löcher in den Teppich!“


„Greta, es ist doch klar, dass man nicht die Tapete von der Wand knabbert.“


„Mensch Greta! Man verwüstet kein Zimmer auf der Suche nach Futter, du bekommst doch zweimal am Tag eine gute Portion!“


Nein, weiß sie eben nicht und nein, es ist ihr auch nicht klar! Die Regeln im Haus und im menschlichen Umfeld muss ein Hund erst lernen. Wie gut er dies letztlich umsetzt, ist immer davon abhängig, wie gut wir es ihm erklären.


Gretas erster großer Ausflug


Wann wir auf den ersten größeren Spaziergang gehen, habe ich voll und ganz von Greta abhängig gemacht. Mir war es wichtig, dass sie vor allem positive Erfahrungen sammeln kann. Wenn wir als Halter mit unseren Hunden auf einen Spaziergang gehen, können viele unvorhersehbare und unkalkulierbare Situationen entstehen.



Draußen befinden sich Reize (fremde Menschen, Hunde, Pferde, Traktoren, Autos, Radfahrer etc.), die wir nicht beeinflussen können. Dieser Faktor stellt den größten Unterschied zum gesicherten Graten dar. Für unseren ersten Ausflug war es mir wichtig, dass die Leine, das Halsband und das Geschirr für sie kein Stressfaktor mehr sind und das sie bereits verstanden hat, dass ich ihr Schutz biete und meine Anwesenheit bzw. die Anwesenheit der gesamten Gruppe für sie angenehm ist.


Dies war bei Greta nach ca. 4- 5 Tagen der Fall, bei anderen Hunden kann dies natürlich schneller gehen oder länger dauern. Ich wählte bewusst einen Tag, an dem ich selbst auch ausreichend Zeit hatte. Der eigene Terminstress oder irgendein Zeitdruck wirkt sich immer negativ auf die gesamt Stimmung aus. Wir können dann nicht so geduldig oder verständnisvoll sein, sind vielleicht schneller gereizt und geraten leichter in stressige Situationen, die sich hätten vermeiden lassen.


Damit die Qualität eines Spaziergangs nicht leidet, sollte die gemeinsame Aktion niemals das komplette Zeitfenster ausfüllen und genügend zeitlichen Puffer lassen. Im Vorfeld habe ich deshalb jeden Schritt ausführlich durchdacht, denn auch das ist ein wichtiger Punkt, wenn es darum geht, dass man Sicherheit vermitteln möchte.



Dazu muss man sich selbst über sein Handeln sehr klar sein und das sind wir erst, wenn wir uns bewusst machen, wie eine Situation ablaufen soll und dann entsprechend dieser Vorstellung handeln. Ein Grundgerüst steht dann bereits und innerhalb dieses Ablaufs passiert ohnehin genug Unvorhergesehenes. Mein Plan beinhaltete, dass ich sie zum Auto trage, denn auf dem Weg zum Auto ist durch meinen zentralen Wohnort viel Verkehr quasi garantiert.


Im Auto wurde sie in einer Box transportiert. Als Spazierort wählte ich die Felder, denn dort ist nicht viel los und durch eine weite Sicht nimmt man Reize sehr früh wahr. So hat man genug Zeit, auf diese angemessen zu reagieren. Auf dem Spaziergang selbst ist Greta doppelt gesichert und bekommt viel Zeit zum Schnüffeln.


Bei einem eher langsamen und gemütlichen Tempo und bei entgegenkommenden Passanten schufen wir genügend Distanz, damit Greta sich nicht bedrängt fühlte und auch hier die Möglichkeit bekam, sich aus einer Entfernung, die für sie angenehm ist, mit den Dingen zu befassen.


Das klappte auch alles ganz wunderbar. Greta verhielt sich toll und war wahnsinnig mutig. Denn anders als erwartet, herrschte doch recht viel Trubel und an diesem Tag begegneten uns jede Menge andere Menschen mit Hund, Traktoren, Jogger, Radfahrer, Reiter und sogar ein Sulky. In ausreichend sicherer Distanz war sie schon fast neugierig und schaute mit großen Augen und schnüffelnder Nase den Vorbeiziehenden hinterher.


Es kommt eben immer anders wie man denkt


Was leider nicht so gut funktionierte, war das Autofahren. Bei diesem Ausflug stellte sich heraus, dass Greta Autofahren nicht wirklich verträgt, da sie sich trotz kurzer Strecke von ca. 10 min Fahrt mehrmals übergeben musste. Dieser Umstand stellte mich vor eine kleine Herausforderung, denn mein Plan beinhaltete eigentlich, sie ab sofort auf die großen Spazierrunden im Alltag mitzunehmen. Dafür hätte sie aber noch wesentlich länger Zeit im Auto verbringen müssen und weil ich nicht wollte, dass sie das Autofahren an sich mit negativen Emotionen verknüpft, musste ich mir eine Alternative überlegen.



Bisher hatte ich bei diesem Thema immer Glück. Alle Hunde, die bis hierhin meinen Weg kreuzten, konnten super Autofahren. Diese Situation war also auch für mich völlig neu und es galt, eine vernünftige Lösung zu finden.

Denn meine Arbeit bezieht sich in den allermeisten Fällen auf das Verhalten und hat einen ganz anderen Grundansatz in der Motivation. Die Übelkeit hingegen wird durch die Fahrbewegung hervorgerufen und ist vor allem eine körperliche Reaktion, die mit dem Gleichgewichtsorgan zusammenhängt. Verhalten lässt sich in den meisten Fällen bewusst steuern, eine aufkommende Übelkeit nicht. Wir kennen das von uns selbst: Auch wenn wir versuchen, es zu unterdrücken, tut der Körper das, was er eben tun muss. Dies sollte ganz nebenbei auch erklären, wieso wir auf keinen Fall mit unseren Vierbeinern schimpfen sollten, wenn ihnen mal ein Malheur innerhalb der Wohnung passiert.


In Gretas Fall setzte ich auf das Prinzip der Gewöhnung. Zusätzlich positionierte ich ihre Box so, dass sie hinausschauen konnte. Jeder, der schon mal im Auto gelesen oder zu lange während der Fahrt auf sein Handy geguckt hat, weiß, dass die rein körperliche Wahrnehmung der äußerlichen Bewegung Übelkeit verursachen kann. Die zusätzlich visuell wahrgenommene Bewegung kann hier einen Ausgleich schaffen und der Übelkeit entgegenwirken.


Weiterhin ließ ich während der Fahrt immer mal wieder ein Leckerli in Ihre Box fallen, denn auch hier wusste ich aus eigener Erfahrung, dass ein beschäftigter Magen weniger empfindlich reagiert. Gewöhnung bedeutet hier, sich im Rahmen des Möglichen zu bewegen und diesen ganz langsam und sachte weiter auszudehnen. Für den Anfang parkte ich einmal täglich mit Greta gemeinsam mein Auto um. Dies begrenzte sich auf teilweise nur auf wenige Meter Fahrt, um langsam aber stetig die Strecke etwas zu verlängern.


Der Tag des Abschieds


Greta kam „nur“ als Pflegehund zu mir. Das bedeutet, dass man diesem Hund den Start in eine schönere und sicherere Zukunft als zuvor ermöglicht. Und da Greta in einem öffentlichen rumänischen Tierheim saß, sah ihre bisherige Zukunft ziemlich düster aus. Für mich war von vorneherein klar, dass sie nicht für immer bleiben kann und ich auch zukünftig wieder einem Hund den Start in ein neues Leben ermöglichen möchte. Es wäre mein Wunsch gewesen, dass sie einen schönen Platz in der näheren Umgebung findet, damit man Kontakt halten kann und ich sie auch weiterhin bei ihrer Entwicklung begleiten darf.



Es waren 5 gemeinsame Wochen mit Höhen und Tiefen, die besonders am Anfang sehr intensiv ausfielen. Meine Aufgabe ist es, den Hund auf sein Leben hier im wohlhabenden Deutschland vorzubereiten und nicht auf das Leben bei mir. Aber trotzdem übernimmt man die Verantwortung und damit entsteht auch eine Bindung. Daher ist auch das Loslassen am Ende sicherlich die schwierigste Phase an der Aufgabe Pflegehund.


Mir hat es sehr geholfen, mir immer wieder bewusst zu machen, dass ich das alles nicht für mich, sondern für Greta tue. Und aus dieser Perspektive wünscht man sich doch eher, dass sich schnell jemand für sie findet. Denn umso schneller sie eine Endstelle findet, desto geringer ist auch ihre Bindung an uns, was auch ihr die Trennung letztlich erleichtert.


Für Greta meldete sich eine ganz liebe ältere Dame. Die Schwierigkeit war lediglich, dass sie aus Lübeck kam. Dies machte die Vorkontrolle über den Tierschutzverein und das Kennenlernen im Vorfeld etwas umständlicher und so zog sich der Ablauf der Vermittlung ein wenig länger als gewohnt. Aber es sollte sich lohnen, denn Greta und ihre zukünftige Besitzerin waren sich auf Anhieb sympathisch und Greta zeigte ab der ersten Sekunde überhaupt keine Scheu.



Auf einem gemeinsamen Spaziergang erklärte ich die wesentlichen und wichtigen Details zu Greta: Worauf man bei Ihr achten muss, wie man sich ihr am besten nähert und wie man ihr Sicherheit vermittelt. Anschließend wurden noch die Formalien durch den Tierschutzverein geregelt und dann durfte Greta Ihre Reise nach Lübeck antreten. Ich brachte sie noch bis zum Auto und unterstütze beim Einladen. Und dann war Greta auch schon genauso schnell wieder aus meinem Leben verschwunden wie sie hineingekommen war.


Mich freute es sehr zu hören, dass sie auch in ihrem neuen Zuhause keine Scheu zeigte und wahnsinnig schnell dort ankam. Nach dieser intensiven gemeinsamen Zeit ist es jetzt für mich einfach ein tolles Gefühl, wenn ich heute Bilder von ihr und ihrem aktuellen Leben erhalte und sehe, wie glücklich Greta und auch Ihre Besitzerin ist.

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